Exkurs #1: Alte englischsprachige Handschriften: Von der Magna Charta bis Tolkien

Wer sich mit deutschen Handschriften auseinander setzt, stößt unweigerlich an einem Punkt an die Frage, wie diese Entwicklung in anderen Sprachräumen verlief. Wie sahen historische Schriften in den Vereinigten Staaten, in Frankreich oder auf den britischen Inseln aus? Da sie die Basis auch für beispielsweise die amerikanischen Schriftstücke ist, soll hier die englische Schrift in Grundzügen betrachtet werden.

Zunächst ist es unumgänglich, sich die gesamteuropäische Entwicklung anzusehen, denn aufgrund der politischen und diplomatischen Verstrickungen in Mittelalter und Früher Neuzeit laufen viele Entwicklungen parallel ab.

Noch heute schreiben wir mit lateinischen Buchstaben, die sich aus dem phönizischen und griechischen Schriftsystem entwickelt hatten. Und immer noch sind lateinische Inschriften weniger aufgrund der Buchstaben als vielmehr aufgrund der Grammatik und der üblichen Abkürzungen schlecht zu lesen. Als Beispiel sei hier auf die Inschrift des Pantheons in Rom hingewiesen.

M(ARCUS) AGRIPPA L(UCII) F(ILIUS) CO(N)S(UL) TERTIUM FECIT [dt.: Von Marcus Agrippa, Sohn des Lucius, errichtet, als er zum dritten Mal Konsul war]

In der lateinischen Schrift der Antike gab es keine Kleinbuchstaben, daher wird diese Schriftform auch „lateinische Kapitale“ genannt.
Hieraus entwickelten sich die verschiedenen Schriften des Mittelalters, so beispielsweise die karolingische und die gotische Minuskel.

Auch eines der wichtigsten englischen Dokumente, die Magna Charta von 1215, verwendet die typisch anmutenden mittelalterlichen Buchstaben. In der bekanntesten englischen Urkunde garantiert der damalige König John Ohneland der Kirche die Unabhängigkeit von der Krone. Die Magna Charta bildet den Ursprung des englischen Verfassungsrechts, ihre Grundlagen finden sich beispielsweise auch in der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung wieder.

Magna Charta: British Library Cotton MS Augustus II.106

Ähnlich wie die kontinentaleuropäischen Urkunden sind die englischen Urkunden dergestalt schwieriger zu lesen, als dass uns das Schriftbild einfach nicht so geläufig sind. Zudem sind Textaufbau und Grammatik erheblich von unserem heutigen Sprachgebrauch zu unterscheiden.

Und ähnlich wie in Deutschland sind es auch die Schriften des 16. bis 18. Jahrhunderts, die Archivaren und Historikern mit die meisten Schwierigkeiten bereiten. Dies kann eine subjektive Einschätzung sein, doch durch die extreme kursive Schreibweise, die fehlende Einheitlichkeit im Schriftbild sowie die teilweise nicht allzu gute Überlieferung wird das Entziffern schwer.

Die Handschrift des bedeutendsten englischen Schriftstellers William Shakespeare ist ihm nicht immer einfach zuzuordnen, denn oft sind die Dokumente, die mit ihm in Verbindung gebracht werden, dem Verdacht der Fälschung unterworfen. Dennoch repräsentieren die Schriftstücke das typische Schriftbild jeder Zeit.

William Shakespeare: „Sir Thomas Morus“

Erst mit der Entwicklung der deutschen Kurrentschrift und später des Sütterlin beginnen die Schriften in Deutschland und im Vereinigten Königreich (und dadurch historisch bedingt auch in den Vereinigten Staaten) sich in unterschiedliche Richtungen zu bewegen.

Waren es im deutschen Sprachraum die Kurrentschrift und dann ab 1911 die von Ludwig Sütterlin entwickelte Normschrift, so schrieben Briten und auch Amerikaner in der so genannten „Cursive“ – also eben einer sehr kursiven Schreibschrift. Von Queen Victoria (1819-1901) sind zahlreiche Briefe erhalten, die dies dokumentieren.

Queen Victorias Dankesbrief an die britischen Frauen (22. Juni 1887)

Ein weiteres Beispiel aus dem 19. Jahrhundert ist der Brief des damaligen [pers. Anmerkung: und viel geeigneteren…] amerikanischen Präsidenten Abraham Lincoln (1809-1865), in dem dieser Queen Victoria zum Tode ihres Ehemanns Prinz Albert kondoliert:

Abraham Lincoln an Queen Victoria

Hier wird die populäre Kursivschrift besonders deutlich.

Die Handschrift, die mehr oder minder alle vorhergehenden Entwicklungen miteinander verbindet, ist die des Schriftstellers und Wissenschaftlers John Ronald Reuel Tolkien (1892-1973). Quasi „straight out of Middle Earth“ kennen wir seine Handschrift von Büchern und Filmplakaten. J.R.R. Tolkien lehrte am Merton College der Universität Oxford und wurde als Schriftsteller und Teil des Literatenzirkels „Inklings“ weltberühmt. Sein erst Anfang des Jahres verstorbener Sohn Christopher (1924-2020) gab als Nachlassverwalter seines Vaters viele posthume Werke heraus, so auch die „Letters of Tolkien“, die auch das folgende Schriftstück enthalten:

Christopher Tolkien: The Letters of J.R.R. Tolkien, 1981. (Letter 22)

Tolkiens Schrift zitiert selbst die mediävistischen Schriftarten deutlich mehr als die Kursiven des 19. Jahrhunderts – ganz in Übereinstimmung mit seiner Tätigkeit als Wissenschaftler, der sich unter anderem mit dem altenglischen Epos „Beowulf“ beschäftigte und der Urheber eigener an mittelalterliche Vorlagen angelehnter Sprachen (wie die Elbensprache Sindarin oder das zwergische Khuzdul) war.

Tolkien war nicht nur ein herausragender Sprachwissenschaftler, seine Werke enthalten viele bedeutende und weise Zitate, und so ließ er zwei seiner Protagonisten eine Unterhaltung führen, die wie kaum eine andere in der momentan schwierigen Situation Gültigkeit besitzt – daher komme ich nicht umhin, sie hier zu zitieren. Und vielleicht geht es Ihnen wie mir und Tolkiens Worte bedeuten etwas:

„Ich wünschte, dies alles wäre nie passiert.“, sagte Frodo.
„Ja, ich auch.“, antwortete Gandalf, „Das tun alle, die solche Zeiten erleben, aber es liegt nicht in ihrer Macht, dies zu entscheiden. Du musst nur entscheiden, was du mit der Zeit anfangen willst, die dir gegeben ist.“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s